4 Monate auf der Südhalbkugel

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Nun ist es offiziell, der letzte Tag in Dar es Salaam ist vorbei. Ein letztes Mal in der Innenstadt, ein letztes Mal auf dem Crafts Market in Mwenge, ein letztes Mal im Internet-Cafe und gleich ein letztes Mal Fritten und ein halbes Huehnchen in unserer "Stammkneipe".

Morgen frueh geht es mit dem Bus nach Arusha. Von Mittwoch bis Samstag sind wir auf Safari im Ngorongoro-Krater und in der Serengeti. Drueckt uns die Daumen, dass wir nachts nicht von den Loewen gefressen werden, denn mehr als eine Camping-Safari im Zelt koennen wir uns nicht leisten!

Sonntag steht die Rueckreise nach Nairobi auf dem Programm. Am Montag und Dienstag werden wir letzte Formalitaeten auf dem UN-Campus erledigen und am Mittwoch geht's wieder zureuck ins gelobte Land. Hilmar fliegt schon frueh morgens, Inga und ich steigen erst spaet abends in den Flieger, so dass wir am Donnerstag zur Mittagszeit wieder verschneiten deutschen Boden betreten.

Ich werde mich wahrscheinlich aus Nairobi nochmal melden, denn unser Hotel hat einen Internet-Anschluss. Bis mindestens Sonntag ist also erstmal Sendepause. Bis dahin, macht's gut!
19.1.04 18:07


Wir sind gerade von einem 48-Stunden-Spontan-Trip nach Sansibar zurueckgekehrt. Am Dienstag Vormittag sind wir mit einer der Express-Faehren zur Insel aufgebrochen; ganz schoen schnell der Flitzer! Man sitzt in wie im Flugzeug und die Innentemperatur wurde von einer Klimaanlage kraeftig heruntergekuehlt. Mir war ziemlich kalt; was soll das erst zuhause werden...? Da hier ja bekannterweise sonst alles auf Verschleiss gefahren und verrotten gelassen wird (z.B. die Dalas) war die Bootsfahrt jedenfalls wie ein Ausflug in die Zivilisation.

Nach ca. 90 Minuten Fahrt kamen wir in Zanzibar Town an und haben schnell im Hotel eingecheckt, damit wir nachmittags die beruehmte Altstadt (Stonetown) mit ihren schmalen Gassen und kunstvoll geschnitzten und verzierten Tueren erkunden konnten. Dreistoeckige Haueser und extrem enge Gassen, ein Sultanspalast, spielende Kinder und Souvenirlaeden bestimmen das Stadtbild. Staendig muss man aufpassen, nicht von den vielen Rad- und Moped-Fahrern ueberfahren zu werden.

Als Geos stand fuer uns natuerlich auch eine Besichtigung von Plattenbauten auf dem Programm, die als Entwicklungshilfe der DDR errichtet wurden. Man fuehlt sich wie in der Karl-Marx-Allee in Berlin, nur dass es so aussieht, als haette man alles 200 Jahre lang vergammeln lassen. Das tropische Klima und die mangelnde Wartung fordern eben ihren Tribut.

Die Stadt ist wesentlich touristischer gepraegt als Dar. Die Strassen sind sauberer, man wird viel weniger angequatscht, nur ganz selten das typische "Yes, my friend, taxi!?!" Auch die Preise sind hoeher als anderswo.

Hartgesottene Queen-Fans werden vielleicht wissen, dass Freddy Mercury in Zanzibar Town geboren wurde und erst im Kinderkartenalter mit seiner Familie nach Indien und spaeter England emigrierte. Ihm zu Ehren gibt es ein klasse Restaurant am Strand, das "Mercury's", wo wir uns mit sansibarischem Seafood haben verwoehnen lassen und einem Insulaner beim unterhaltsam unbeholfenen Versuch zusahen, mit ein paar Holzstoecken und reichlich Brennspiritus ein Lagerfeuer zu entzuenden.

Gestern waren wir auf einer Spice-Tour. Auf Sansibar wachsen naemlich alle moeglichen Gewurze und Fruechte. Zunaechst ging es auf eine riesige Gewuerzfarm, wo wir auch eine Menge probieren durfen. Besonders lecker war die Jackfruit, die schmeckt wie eine Mischung aus Banane und Ananas. Highlight war eine Pampelmuse (Pink Grapefruit), ungelogen so gross wie ein Fussball und unvergleichlich lecker! In der Tourgruppe war auch ein deutscher Radioreporter; also im Februar/Maerz darauf achten, wann der Bericht auf WDR2 gesendet wird! Nach einem leckeren Mittagessen ging es noch auf Hoehlen- und Ruinenbesichtigung, was allerdings weniger spektakulaer war. Nachmittags hatten wir noch eine Stunde Zeit zum Bad im Indischen Ozean an einem kleinen Traumstrand. Das Wasser war endlich mal kuehl (auch wenn alle anderen meinten, dass es warm sei. Die sollten mal nach Bagamoyo oder Kipepeo fahren!) und vor allem glasklar. Man kann ohne Probleme mehrere Meter bis zum Boden schauen. Kein Wunder, dass es ein Paradies zum Schnorcheln ist.

Abends sassen wir wieder im Mercury's, wo wir dann zwei nette Kanadier (Clare und James) trafen, die mit uns auf der Spicetour waren. Wir haben uns sehr angeregt unterhalten, hat jede Menge Spass gemacht. Hilmar und mir ist mit Schrecken klar geworden, dass wir bereits unglaublich viel zu erzaehlen haben. Stundenlang erzaehlt und doch nur an der Oberflaeche gekratzt. Solltet Ihr Euch also trauen, uns "na, wie war's?" zu fragen, richtet Euch auf 5-6stuendige Monologe und blutige Ohren ein!!!

Die ganze Nacht und heute vormittag hat es kraeftig geregnet. Eine Wohltat! Den Vormittag haben wir in einem zum Museum umgebauten Sultanspalast verbracht. Von einem grossen Balkon konnten wir ein absurdes Schauspiel beobachten. Das deutsche Kreuzfahrtschiff "Maxim Gorki" hatte vor der Stonetown angelegt und es wurden hunderte deutscher Touristen auf Landgang in einem ausgekluegelten System mit etwa 20 Bussen (20-Sitzer) in kleinen Grueppchen durch die Stadt und an den Sehenswuerdigkeiten vorbei gekarrt. Mehr als 10 Minuten Zeit hatten sie nicht fuer die Fuehrung durch's Museum, dann mussten sie auch schon wieder weiter zur naechsten Station. Prolliger und deutscher als diese Rentnermassen geht es echt nicht mir. Und nach solchen Leuten habe wir Heimweh? Es war auf alle Faelle besser als Kino und unterhaltsam, den Zonis und Rheinlaendern zu lauschen...

Aber jetzt sind wir wieder in Dar, gluecklicherweise nur noch wenige Tage. Wir zaehlen fast schon die Stunden... In 12 Tagen geht's nach Hause!!!
16.1.04 16:38


Heute habe ich Lust, mich ueber die tansanische Post zu beschweren. Ich habe zu Weihnachten jede Menge Postkarten verschickt, doch scheinbar kommen die Dinger nicht alle an. Schade! Und dann weiss ich noch von mindestens zwei Paketen und weiteren Briefen, die seit November hierher unterwegs sind und mit Sicherheit nicht mehr vor unserer Heimreise ankommen. Wahrscheinlich macht sich gerade der Zoll ueber den Suesskram her.



Wenn mir jemand von Euch also etwas geschickt haben sollte und sich fragt, "warum schickt der Typ keien euphorische Dankesmail?", dann liegt das schlicht und wenig ergreifend daran, dass ich in den dreieinhalb Monaten genau eine Postkarte aus Spanien und einen Brief aus Wittlich erhalten habe. Und der Absender weiss, dass sie angekommen sind.
11.1.04 17:47


Gestern hat es endlich den ganzen Tag geregnet und heute war es zum Glueck bewoelkt. Es sind zwar immer noch 32 Grad, aber es fuehlt sich schon deutlich kuehler an, weil alles im Schatten liegt. Hilmar ist der festen Ueberzeugung, dass wir zuhause in Deutschland jaemmerlich erfrieren werden!
9.1.04 17:09


Leider besteht immer noch das Problem der verlorenen Weblog-Eintraege. Dank Hilmars Bruder habe ich mittlerweile wieder die Eintraege bis einschliesslich 9. November rekonstruiert. Wenn jemand zufaellig die spaeteren Eintraege gespeichert oder ausgedruckt oder somnstwie verfuegbar hat, waere ich Euch sehr dankbar, wenn ihr mir die verbleibenden Erinnerungsluecken fuellen koentet, indem Ihr mir das ganze mailt...
8.1.04 14:31


Unsere heutige Tour mit Siff-und-Seuche Reisen hat den gestrigen Ausflug bestens ergaenzt. Heute waren wir in Ecken der Stadt unterwegs, wo die Leute in ihrer eigenen Sch... leben.

Vier Health Officers und ein Fahrer sind mit uns in einem fetten Gelaendewagen durch Mabibo und Manzese gegurkt. Der erste Stopp war ein nicht funktionierender Abwasser-Stabilisierungs-Teich. Es handelt sich dabei um drei Becken, die normalerweise nacheinander vom Abwasser durchflossen werden. Die Schwebstoffe koennen sich absetzen und nach der dritten Stufe kann man das Wasser zur Bewaesserung nutzen. Das von Chemikalien dunkelblau gefaerbte Abwasser von der nahegelegenen riesigen Textilfabrik wird jedoch an den beiden mit Regenwasser gefuellten ersten Becken vorbei geleitet und fliesst aus einem grossen Rohr in eine Senke, die urspruenglich das dritte Becken darstellen sollte. Von dort bildet es einen Abwasserstrom zum naechsten Fluss. Ein tiefer Graben ist in den Boden erodiert und natuerlich zugemuellt mit Plastikflaschen und -tueten. Der perfekte Abenteuerspielplatz fuer die Kinder!

Am weiteren Stopps konnten wir sehen, wie die Menschen ein paar Plastik-Wasserschlaeuche an die Haupt-Wasserleitung anschliessen. Die poroesen Schlaeuche sind mitten durch den zum Himmel stinkenden Abwasserfluss gelegt; eine der haeufigsten Ursachen fuer die Ausbreitung von Cholera, denn das Abwasser gelangt in die Schlaeuche und die Leute trinken die Bruehe voller falschem Vertrauen...

Unsere 4 Beamten der Gesundheitsbehoerde waren bessere Tueroeffner als jeder UN-Ausweis. Niemand traut sich, ihnen (und damit uns) den Zutritt zu verwehren. So haben wir eine mittelgrosse Baeckerei besichtigt, in der unter unhygienischen Zustaenden (mehr Details will ich Euch ersparen) Brot gebacken wird. Gut, dass wir das erst zu Gesicht bekommen haben. Das ist das Brot, das wir normalerweise essen!

Zum Schluss haben wir uns in einer Pombe-Manufaktur umgesehen. Pombe ist der hiesige Billigfusel, der scheinbar reichlich Droehnung verschafft. Neben dem Raum, in dem das Zeug hergestellt wird, sammelte sich an der Erdoberflaeche neben einem offenen Fenster (es gab kein Glas, nur ein Metallgitter) die Bruehe, die aus dem Klo nebenan lief. Der Raum lag tiefer als der Rest des Gelaendes; es fehlte nur noch, dass die nicht versickern wollende Bruehe in die Braustube schwappte...

Es ist schon etwas anderes, von solchen Gebieten erzaehlt zu bekommen oder Bilder davon zu sehen, als wenn man sich selbst durch die engen Gassen zwischen den Huetten zwaengt, und in der Hitze der Mittagssonne den ueblen Faekalien-Geruch der Abwasser riecht. Wir haben reichlich fotografiert (auch wenn die Leute nicht immer gluecklich darueber waren, aber wer will es sich schon mit einem Health Officer verderben?), damit wir es spaeter selber glauben koennen.
7.1.04 16:20


Das Klinkenputzen im Dezember hat sich gelohnt. Dank Hilmars Kontakten zu diversen Teilnehmern des Wastewater Managment Workshops haben wir diese Woche volles Programm mit Expertengespraechen und fachkundigen Fuehrungen durch Slums, die in juengster Vergangenheit Schlagzeilen wegen Cholera gemacht haben. Bis heute hatten wir einen voellig falschen Eindruck von Dar. Wir waren naemlich heute mit zwei Municipal Health Officers in Buguruni und Vingunguti. Dies sind zwei der "informellen Siedlungen", wie es offiziell heisst. Dort konnten wir uns ein Bild davon machen, wie ca. zwei Drittel der 3 Millionen Einwohner Dar es Salaams leben.

Den Anfang machten wir in einem Community Health Center. Neben dem Gebaeude waren in einem abgesperrten Areal grosse Zelte aufgeschlagen, in denen die Cholera-Erkrankten behandelt werden und zu denen normalerweise niemand Zutritt hat, wenn er nicht Medizinmann oder -frau oder Health Officer der Stadtverwaltung ist. Die Patienten werden isoliert von allen anderen hinter einem Zaun gehalten. Aber egal, unsere Fuehrer spazierten munter mit uns ins "Seuchengebiet", wo wir einen Arzt und eine Krankenschwester ausfragen konnten. Da wird einem ganz anders zumute, wenn man die geschwaechten Gestalten auf ihren Betten liegen sieht! Die einzig gute Nachricht ist, dass die Cholera-Faelle in den letzten Tagen rapide gesunken sind, seit die Stadtverwaltung verstaerkt an einer sauberen Trinkwasserversorgung gearbeitet hat. Ausserdem sind die wenigsten Faelle toedlich verlaufen, dem allergroessten Teil konnte rechtzeitig geholfen werden.

Dann folgte ein Spaziergang durch das "Wohnviertel". Plumpsklos, vermuellte Wasserloecher, einige wenige Wasserhaehne mit sauberem Trinkwasser, eingestuerzte Haeuser, die aermsten der Armen, in Autowracks spielende Kinder und beim juengeren Teil der Bevoelkerung grosses Hallo beim Anblick der Wazungu, bei den Aelteren Schrecken beim Anblick der Health Officers, die einige Ermahnungen wegen schlechter Hygiene aussprachen. Ueberall wird mit ungeniessbarem Wasser gekoechelt , was eine grosse Cholera-Bedrohung darstellt. Wir sind sogar durch ein Haus durchgegangen. So in etwa habe ich im Sandkasten gebaut und hier wohnen die Menschen in erbaermlichen selbst zusammengezimmerten Huetten, krummer und schiefer als alles andere.

Es waren Eindruecke, die ihresgleichen suchen und die wir erst verarbeiten muessen, bevor wir mehr davon erzaehlen koennen. Am besten zeigen wir Euch die Fotos dazu, auch um es selbst glauben zu koennen.

Anschliessend haben wir unsere beiden Guides zum Essen eingeladen und haben uns grosszuegig gezeigt, indem wir die beiden einluden. Wo sonst bekommt man schon fuer 4 Personen komplettes Mittagessen mit Getraenken fuer umgerechnet 5 Euro? Morgen stehen ein paar Slums in der Kinondoni Municipality an. Diesmal sind wir vorgewarnt...

Viele Gruesse ins Luxus-Land
6.1.04 18:13


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